NIGHTWISH - Kopfkino Deluxe Ein kreativer Kopf war Tuomas Holopainen schon immer - doch mit seinem ‘Imaginaerum’-Projekt wagt sich der Finne in ganz neue Dimensionen vor. Mußten NIGHTWISH auf ‘Dark Passion Play’ vor allem unter Beweis stellen, daß die Band auch ohne Ex-Frontdiva Tarja Turunen eine Zukunft besitzt, legt man beim zweiten Album der neuen Ära eine deutlich höhere Risikobereitschaft an den Tag - und das nicht nur, weil neben der regulären Scheibe auch ein dazugehöriger Film in der Mache ist, der 2012 in die Kinos kommen soll... ‘Imaginaerum’ strotzt vor Stärke und Selbstbewußtsein - so klingt eine Band, die zu sich selbst gefunden hat und die eigenen Fähigkeiten neu ausreizen möchte. Vor allem die starke Gesangsperformance macht deutlich, daß die anfangs nicht unumstrittene Anette Olzon bei NIGHTWISH angekommen ist - auch wenn sich ihre Welt in den letzten vier Jahren stark verändert hat... “Mein Privatleben ist ziemlich normal - trotz meiner Scheidung, aber sowas passiert eben”, erklärt die Schwedin, die uns gemeinsam mit Gesangskollege und Tieftöner Marco Hietala zum Gespräch gegenübersitzt. “Die letzten zwei Jahre habe ich größtenteils zu Hause verbracht und war für meine Kinder da. Natürlich werde ich jetzt auch ab und zu in der Öffentlichkeit erkannt, aber das hält sich eigentlich in Grenzen. Trotzdem war die Zeit seit meinem Einstieg bei NIGHTWISH sehr intensiv. Die Tour war extrem lang, und für mich als Anfänger auf dem Gebiet war das sehr stressig. Ich habe mich selbst unter Druck gesetzt, und die Erwartungshaltung der Fans war ebenfalls riesig. Doch im Rückblick erinnert man sich an die ganzen schönen Momente, die man in der damaligen Hektik gar nicht richtig wahrgenommen hat.” Normalerweise klettert eine Band gemeinsam die Erfolgsleiter hoch und kann sich so dem jeweils neuen Level anpassen - doch bei einem fliegenden Wechsel bleibt wenig Zeit, sich zu akklimatisieren... “Aus heutiger Sicht war es natürlich nicht der cleverste Schachzug, mit einer Novizin gleich eine zweijährige Tour zu buchen”, sieht Marco inzwischen ein. “Wir hätten es etwas langsamer angehen lassen sollen - denn selbst für uns alte Hasen war das verdammt hart. In gewisser Weise sind wir alle ins Feuer gesprungen und haben dann geschaut, wie wir lebend wieder herauskommen.” “Viele Bands haben diese Erfahrung schon gemacht - und vermeiden diesen Fehler seither. Es war hart! Aber jetzt schaue ich gerne zurück, klicke die Videos auf Youtube an und sehe, daß wir eigentlich ziemlich gut waren”, meint Anette, und auch der Zottel neben ihr stimmt zu: “Man sollte sich aber nicht mehr aufbürden, als man tragen kann - nur so kann man auch genießen, mit der Musik und dem eigenen Talent seinen Kindern genügend zu Essen und ein Dach überm Kopf bieten zu können. Das ist ein Wahnsinns-Privileg!” “Ich kenne ja den normalen Arbeitszyklus und habe jahrelang einen gewöhnlichen Bürojob ausgeübt”, blickt Anette zurück. “Manchmal sehne ich mich sogar danach, weil dieser Rock-Zirkus doch eine ganz eigene und oft merkwürdige Welt ist. Aber ich bin da eher schizophren, haha.” “Ich hab das mit den normalen Jobs auch mal probiert, als ich noch jünger war”, gesteht Marco, “doch am Schluß hatte ich immer jede Menge Krankheitstage und habe nie wirklich da reingepaßt. Danach habe ich mich als Techniker im Tonstudio verdingt, habe mich um die Soundanlage in Theatern gekümmert und solche Sachen. Das war okay, aber auch nicht die Erfüllung. Es macht nicht gerade Spaß, wenn man vier Wochen lang mit irgendwelchen Idioten im Studio hockt, die man auf den Tod nicht ausstehen kann. Dann spiele ich doch lieber gleich selbst in einer Band, und zwar mit Typen, die ich leiden kann! Ich bin also lieber selbst der Depp, der dem Produzenten und Tontechniker das Leben zur Hölle macht, haha!” Ihr habt ja inzwischen auch alle das gesetztere Alter, um die Dinge in der richtigen Perspektive zu sehen... “Als ich in dieses Geschäft eingestiegen bin, war ich 35 und hatte eine Familie”, blickt Anette zurück. “Wenn man seinen Kindern immer erklären muß, warum und wie lange man von zu Hause weg sein wird, ist das nicht schön. Wäre ich mit 20 vor dieser Situation gestanden, wäre das eine ganz andere Geschichte geworden - doch ob mein Ego die Sache dann auch so gut verkraftet hätte?” “Meine Jungs waren gerade einen Monat alt (Marco ist Vater von Zwillingen - d. Verf.), und ich war auf der Suche nach einem ruhigen Job bei einer Plattenfirma, als ich den Anruf von NIGHTWISH-Manager Ewo Rytkönen bekam. Er meinte, Tuomas säße gerade auf seinem Sofa und wolle mich als Bassist für seine Band. Ich rauchte also eine Zigarette, trank meinen Kaffee und ging dann rüber zu Ewos Haus - der Kerl wohnte schließlich nur 100 Meter entfernt von mir. Ich setzte alles auf eine Karte, die Band hatte gerade ihr ‘Wishmaster’-Album veröffentlicht, und nach ‘Century Child’ explodierte plötzlich alles.” “Man kann das gut hören”, erklärt die Sängerin. “Erst kürzlich habe ich mich hingesetzt und mir die ganzen Platten am Stück vorgenommen, von Anfang bis Ende, und seit Marco dabei ist, hat sich der Sound verändert. Damit ging alles los.” “Ich denke, die ganze Band ist in dieser Zeit gewachsen”, relativiert Marco. “Nicht nur wir Musiker bekamen ein besseres Verständnis dafür, tight zusammenzuspielen - auch das Songwriting von Tuomas wurde eigenständiger und löste sich von diesen heroischen Metal-Wurzeln der ersten Platten.” Martin Römpp Der
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