AXEL RUDI PELL / KREATOR - Metal! Als sich herauskristallisierte, daß in AXEL RUDI PELL und KREATOR zwei altgediente Eckpfeiler der deutschen Szene nahezu zeitgleich ihre neuen Alben veröffentlichen würden, luden wir die beiden Bandleader zum gemeinsamen Talk. Zwar betätigen sich Axel und Mille Petrozza in unterschiedlichen stilistischen Feldern, doch gab es auch viele Gemeinsamkeiten zu entdecken. Und eins ist klar: Die beiden sind definitiv Metal! Jungs, als wir unser Treffen geplant hatten, überlegten wir - da ihr beide nur einen Steinwurf voneinander entfernt hier im Pott wohnt - mal kurzfristig, ob wir uns an einem Ort treffen sollen, der eher den Klischeevorstellungen vom Ruhrgebiet entspricht, um dann Fotos in einer Zeche oder vor alten Fördertürmen zu machen. Doch du, Axel, hast dich dann mit dem Hinweis, daß dadurch schon längst kein authentisches Bild vom Ruhrgebiet mehr widergegeben würde, weil die Zechen schon längst stillgelegt sind und es auch Schimanski nicht mehr gäbe, gegen diese Idee ausgesprochen, so daß wir uns nun letzten Endes in dieser tollen Wasserburg getroffen haben. Daraus folgere ich, daß das Ruhrgebiet nicht nur deine Heimat ist, sondern daß du dich auch sehr damit identifizierst und es dir somit keinesfalls gleichgültig ist, welches Bild vom Ruhrgebiet gezeichnet wird. Axel: “Es ist eben wirklich nur noch ein Klischee. Sicherlich haben früher mal viele Leute hier in Zechen gearbeitet, aber das ist ja schon längst nicht mehr der Fall, da die meisten Zechen geschlossen sind. Es gibt auch diese typischen Bergbausiedlungen nur noch ganz vereinzelt. In Wirklichkeit ist alles viel grüner geworden. Ich kenne viele Leute, die zu mir sagen, wenn sie hierher kommen: “Ich kenn’ den Ruhrpott nur aus Schimanski-Tagen, aber das sieht bei euch ja ganz anders aus!”.” Sah das Ruhrgebiet noch aus wie in besagten Klischees, als ihr hier aufgewachsen seid? Mille: “Ich hab’ noch den Anfang des Zechensterbens und das letzte Aufbäumen des Kohleabbaus miterlebt. Ich habe das Ruhrgebiet eigentlich erst so wahrgenommen wie in diesem Klischee, das besagt, daß alles nur Maloche und Bergbau ist, als ich mal in andere Städte kam oder es wirklich bei Schimanski im Fernsehen gesehen habe. Solche Zeiten gab es, aber wir sind ja nicht in den Fünfzigern aufgewachsen.” Axel: “Du nicht!” (lacht schallend) Mille: (lacht ebenfalls) “Es gab früher sicher die rauchenden Schlote, und die Wäsche wurde sofort wieder dreckig, wenn man sie draußen aufgehängt hatte, aber als wir in den Siebzigern aufgewachsen sind, gab es ja schon Filteranlagen, so daß schon damals dieses Bild nicht mehr zutraf. Ich kann aber verstehen, warum man das gerne hätte. Dadurch wird natürlich eine gewisse Romantik erzeugt...” Axel: “Genau! Die typische Ruhrgebietsromantik! Als ich aufgewachsen bin, waren die Zechen noch in Betrieb, aber in den Siebzigern ging’s dann rapide abwärts, bis dann Anfang der Achtziger quasi nichts mehr davon übrig war. Ich bin sicherlich nicht in einer der feinsten Gegenden von Bochum aufgewachsen, wo es relativ düster war. Ich kann mich noch an meine Kindheit erinnern, als ich sechs oder sieben Jahre alt war: Ich hab’ damals 1966 die Fußball-WM live im Fernsehen gesehen - schwarzweiß! Wir hatten damals nur ein Programm und konnten das ZDF noch gar nicht empfangen. Auf jeden Fall bin ich dann nach den WM-Spielen immer rausgegangen, um mit dem Tennisball ein bißchen zu kicken. Das fand dann schon in so ‘ner typischen Kohlensiedlung statt. Da gab’s dann immer aufs Maul...” (grinst und Mille lacht) Mille: “Ich denke, daß diese Bilder, die man im Kopf hat, ein Teil der Vergangenheit sind, die mit der heutigen Realität nicht mehr viel zu tun haben. Deshalb bin ich auch froh, daß wir uns in diesem Schloß getroffen und solche Bilder gemacht haben, denn das gehört auch zur Vergangenheit - aber eben nicht so, wie man es vom Ruhrgebiet erwarten würde.” KREATOR waren immer eine Band, die man stark mit diesem “Kohlegruben-Ruhrpott” verbunden hat, was schon frühzeitig losging - Stichwort: ‘Thrash Altenessen’-Dokumentation... Mille: (verdreht die Augen) “Ein Bekannter von mir hat neulich gemeint, ich solle doch endlich mal meinen Frieden mit diesem Thema schließen. Der Regisseur der Dokumentation kam aus Süddeutschland und wollte einfach ein Bild vom Ruhrgebiet zeichnen, das diesen Klischees entsprach - die armen Kids, die keine Zukunft haben. Aber das war einfach nicht so! Wir waren riesige Musikfans, und wir haben das Ruhrgebiet überhaupt nicht als düster empfunden. Im Gegenteil! In meinen Augen war es ein perfekter Ort für Metaller. Wir haben in den stillgelegten Zechen geprobt oder haben dort die besten Bands live gesehen - ich sage nur: Liveclub Zeche in Bochum. Für mich war das totaler Quatsch, daß wir keine Zukunft hätten, weil für uns die Perspektive völlig klar war: Wir wollten Musik machen! So haben wir das Ruhrgebiet gesehen. Klar muß es diese Klischees geben, und ich will auch nicht diese Romantik zerstören, aber für mein Weltbild war dies immer nebensächlich, auch wenn es ein Teil des Ruhrgebiet war. Aber wenn ich an damals zurückdenke, dann muß ich bei Essen nicht an Zechen denken, sondern an den Plattenladen von Emma...” Axel: “Ja genau!” (beide lachen versonnen) Mille: “Da konnte man alle Heavy Metal-Platten aus ganz Europa kriegen! Außerdem gab es Jugendzentren, in denen wir gespielt haben. Es gab Stadthallen, in denen ich euch gesehen habe - in Wattenscheid oder Bochum, da bin ich mir nicht mehr sicher.” Axel: “Ja, da haben wir mal mit STEELER gespielt!” Mille: “Im Vorprogramm von BULLET. Damals habe ich BULLET und euch zum ersten Mal gesehen. Das sind also die Geschichten, an die ich denken muß. Ich war damals begeistert, weil es so viel Heavy Metal gibt!”
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